| Westliche Dekadenz |
| Guido Westerwelle hat eine längst fällige Diskussion angestoßen Von Michael Ludwig | |
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Unser Außenminister ist schon ein Phänomen. Kaum im Amt machte er sich polnische Interessen zu Eigen, statt deutsche. Die Wunde, die er mit der Causa Steinbach dem deutschen Volk zufügte, wird so schnell nicht verheilen. Doch das focht den Chef der Liberalen beileibe nicht an. Er legte den Turbogang ein und düste durch die Welt, als habe sie auf ihn – Dr. Guido Westerwelle – nur gewartet. Die Quittung für seinen kopflosen Aktionismus folgte auf den Fuß. Hundert Tage nach seinem Amtsantritt sanken seine persönlichen Sympathiewerte in den Keller, was gar nicht so schlimm gewesen wäre, aber auch die seiner Partei halbierten sich nahezu, und da schrillten dann doch die Alarmglocken, schließlich stehen in diesem Frühjahr die wichtigen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen an. Was tun? das war jetzt die Frage.
Und Westerwelle zeigte sich von seiner findigen Seite – er trat im Zusammenhang mit Hartz IV die Dekadenz-Diskussion los. Seit seinem Beitrag in der Welt am Sonntag versuchen allenthalben Kommentatoren die Frage zu ergründen, ob wir, und mit uns der hoch technisierte europäische Westen, tatsächlich dekadent und damit zum Untergang verurteilt seien oder nicht. Vielleicht wird es im Rückblick einmal heißen, dass eine der wirklichen Leistungen des Außenpolitikers Westerwelle eine innenpolitische war, weil der die Frage nach der Bezahlbarkeit unserer Sozialsysteme so schnörkellos gestellt hat. Aber ihm geht es nicht nur um die Abermilliarden, die der Haushalt für soziale Zwecke Jahr für Jahr verschlingt, und der trotzdem nicht verhindern kann, dass die Unzufriedenheit der Menschen stetig zunimmt. Westerwelle legt seinen Finger auf eine Wunde in unserem Gesellschaftssystem, die man folgendermaßen beschreiben könnte – die wirklich Reichen transferieren ihr Geld in die (bislang noch) datengeschützte Schweiz, um sich die Steuern zu sparen, die Unterschicht hebt unverhohlen die ruhende Hand auf, um sich das Ausschlafen und den täglichen Bedarf an ungestörtem Fernsehkonsum bezahlen zu lassen. Finanziert wird das alles von der Mittelschicht. Die FDP sagt, dass damit Schluss sein müsse, und wer sich seinen gesunden Menschenverstand bewahrt hat, wird ihr Recht geben. In der sozialdemokratisierten Union erhebt sich Protestgeschrei gegen die Wirklichkeitsbeschreibung der Liberalen, bei der SPD sowieso, und die Grünen und die Linkspartei keifen, als wolle man ihnen nach dem nackten Leben trachten. Die Frage, ob die Zivilgesellschaft Deutschlands dekadent zu nennen sei, ist eine notwendige, und man sollte sich allenfalls fragen, ob sie nicht zu spät gestellt wurde. Der landläufigen Definition zufolge versteht man unter Dekadenz den Abstieg einer Gesellschaft. Nun könnte man darauf antworten, dass Geschichte wellenförmig vor sich geht – Reiche entstehen, wachsen zur Blüte heran und gehen schließlich wieder ein wie Primeln im Winter. So war es beim Paradebeispiel des Römischen Imperiums, beim Herrschaftsbereich Karl des Großen und dem Weltreich der Briten, das den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt hat. Die Globalisierung, die wir gerade erleben, verursacht einen neuen Schub – die Zeit des Eurozentrismus scheint sich endgültig ihrem Ende zuzuneigen, und die neuen Machtzentren heißen China, Indien und möglicherweise Russland. Insofern kann man Deutschland durchaus einen dekadenten Staat nennen, sitzt er doch auf einem Wohlstandsast, der gerade von der Geschichte abgesägt wird. Dennoch können wir von unseren Politikern verlangen, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um diesen Prozess fortschreitender Bedeutungslosigkeit und Verarmung abzubremsen. Doch genau das Gegenteil geschieht – sie unternehmen alles, um die Fahrt in den Untergang zu beschleunigen. In einem Interview der Welt am Sonntag nennt der Althistoriker Alexander Demandt, der mit seinem Buch „Der Fall Roms“ ein Standardwerk vorgelegt hat, einen wichtigen Grund für den Untergang des Römischen Reiches: „Dekadenz ist ja ein lateinisches Wort: Niedergang. Es ist ursprünglich gekoppelt an die Vorstellung vom Sittenverfall … Die römischen Moralisten glaubten, die Leute würden bei einem Leben in Luxus ihre virtus verlieren, was vor allem die Fähigkeit zum Kriegsdienst bedeutet. Wenn sich die Leute nicht selbst verteidigen können, werden sie zu Sklaven ihrer stärkeren Nachbarn.“ Demandt fährt fort: „Und gerade die städtischen Bevölkerungen erlagen dieser Verweichlichung und wurden dann von ländlichen, kulturell-zivilisatorisch tiefer stehenden Bevölkerungen – Barbaren – besiegt. Das ist ein Vorgang, der in der vorindustriellen Zeit mehrfach zu beobachten ist. Und dann haben wir in der Stadt Rom das Phänomen, dass die Kaiser und Staatsmänner sehr früh dazu übergegangen sind, die Bevölkerung auf Staatskosten zu ernähren. Brot und Spiele. Hunderttausende wurden fürs Nichtstun mit Produkten aus dem ganzen Imperium versorgt. Das kam daher, dass die Bürger der Stadt das Wahlrecht besaßen. Die politischen Entscheidungen fanden in Rom statt, und deshalb waren die Leute wichtig. Die Politiker mussten das Wahlvolk ködern, und dafür mussten die Leute außerhalb Roms Steuern zahlen und sich abrackern.“ Was der Historiker am Beispiel des antiken Roms aufzeigt, könnte genauso gut aus der deutschen Gegenwart stammen. Ihr ist die virtus schon längst abhanden gekommen. Wer einen Truppenübungsplatz der Bundeswehr besucht, kann dort eine übergroße Anzahl von Rekruten erleben, die mit Ächzen und Stöhnen ihre Bierbäuche über die Hindernisse stemmen, und falls ein längerer Marsch mit voller Gepäckausrüstung angesagt ist, pflastern zurückgebliebene Fußkranke diesen Weg. Aber es ist nicht nur die verloren gegangene Fähigkeit, seinen Körper für den Kampf fit zu halten, sondern auch der fehlende Wille, ihn auszufechten. Definiert man Dekadenz auch als zunehmende Sensibilisierung einer Gesellschaft, so sind wir allesamt unglaubliche Sensibelchen, die bei der geringsten Nervenbelastungsprobe in Tränen ausbrechen. Thomas Mann hat – wie kaum ein anderer Autor – im letzten Jahrhundert die Dekadenz des hanseatischen Bürgertums beschrieben. In seinem Roman „Buddenbrooks“ schildert er den Verfall einer Familie, die an geistiger Verfeinerung und körperlicher Degeneration zugrunde geht. Hanno Buddenbrook hat keinen Willen zur Macht mehr, und das ist es, was sein Ende heraufbeschwört. Auch wir haben den Willen dazu längst verloren. Wir sehen Macht als etwas Böses an, das es fern zu halten gilt, aber unsere Feinde tun alles, um sie zu erringen und dann skrupellos anzuwenden. Nichts anderes geschieht augenblicklich in Afghanistan. Während der dekadente Westen für jeden irrtümlich getöteten Zivilisten Tränen über Tränen vergießt, Soldaten in Ausübung ihrer Pflicht, die selbstverständlich auch die Anwendung von Gewalt einschließt, vor den Staatsanwalt schleift, und überlegt, ob er sie nicht besser gleich abziehen soll, führen uns die Taliban die altrömische Tugend der virtus vor. Sie haben nicht nur kampferprobte Körper, sie setzen ihn auch ein; sie suchen die Gelegenheit zum direkten Kräftemessen, während unsere Soldaten es unter allen Umständen meiden wollen. Aber man braucht nicht nur auf den fernen Hindukusch zu blicken, auch in den deutschen Großstädten sind wir dabei, die Auseinandersetzung mit ausländischen Jugendlichen zu verlieren. Dekadente Richter fassen türkische und arabische Jugendliche mit Samthandschuhen an, Sozialpädagogen stehen meist fassungslos vor den Scherben ihrer Tätigkeit, wenn wieder einmal ein Schüler ausflippt, seine Klassenkameraden mit einer Pumpgun über den Haufen schießt und seinen Lehrer das Messer in den Hals rammt; sie fragen dann: warum? Dieses warum? ist ihre ganze Antwort auf das immer offensichtlicher werdende Dekadenzsyndrom unserer Gesellschaft, es verliert sich im Nirwana ihres gutmenschlichen Horizonts, aus dem das höhnische Gelächter derjenigen, die die ungeteilte Macht haben wollen, zurückhallt. Vielleicht sollten sich die Sozialingenieure der Postmoderne einmal Gedanken darüber machen, dass – auf höchst dialektische Weise – die Aggression, die aus dem täglichen Leben ausgegrenzt wird, als sei sie der Teufel persönlich, durchs Hintertürchen wieder Einlass begehrt; sie maskiert sich als brutales Computerspiel und feiert in den Kinderzimmern fröhliche Wiederauferstehung. In den Zusammenhang der Dekadenz kann man auch die christlichen Kirchen stellen. Der englische Gelehrte Edward Gibbon (1737 – 1794) vertrat die These, dass sie geradezu ein Ausbund an dekadentem Denken und Handeln sind. Demandt meint dazu im Hinblick auf den Untergang des Römischen Reiches: „Die Leute suchen ihr Heil im Jenseits. Und diese spätantike Flucht ins Jenseits ist auch ein sehr seltsames Phänomen. Wir haben in Nordafrika, Ägypten, im Vorderen Orient, in Kleinasien ganze Mönchslandschaften. Zehntausende von Männern und Frauen, die mönchisch leben. Und die keine Steuern zahlen und keinen Wehrdienst leisten. Der Kaiser Valens hat in der Not der Gotenkriege einmal versucht, diese Leute heranzuziehen für den Wehrdienst, was ihre Pflicht wäre als römische Bürger. Es gab einen Aufschrei! Und er hat es auch nicht geschafft. Man kann also die Kirche in gewisser Weise verantwortlich machen für den Niedergang.“ Man muss sich nur einmal vorstellen, der Staat würde in unserer pazifistisch durchtränkten Gesellschaft alle Wehrpflichtigen zu den Waffen rufen, weil der Ernstfall vor der Tür steht. Was für ein Geschrei würde da anheben. Und an vorderster Front stünde die Bischöfin Käßmann, um uns klar zu machen, dass wir uns möglicherweise versündigen würden, sollten wir unsere Interessen (und unsere Art frei zu leben) mit Bleikugeln verteidigen wollen. Dekadenz, so wurde Westerwelle die letzten Wochen vorgeworfen, sei ein Problem der herrschenden Elite und nicht der Hartz-IV-Empfänger. Das ist nur zum Teil wahr. Natürlich ist unsere herrschende – politische – Elite dekadent, denn wenn sie es nicht wäre, stünden wir nicht vor diesem Berg von Problemen. Ihr zur Seite steht ein Teil der pauperisierten Klasse, der jeden Willen zum Aufstieg und damit zur Eigenverantwortung verloren hat, weil der Staat und die Gesellschaft ihm Brot (Arbeitslosengeld 2) und Spiele (die kommerziellen Sender von Pro 7, Sat 1, Kabel, RTL etc.) Tag für Tag in den Rachen schmeißt, damit er ruhig gestellt bleibt. Das Nachsehen hat die arbeitende Mittelschicht, die jeden Tag die Kärrnerarbeit verrichtet und den Karren aus dem Dreck zieht. Leider bleibt sie politisch weitgehend stumm. Der FDP-Chef hat ihr eine Stimme verliehen. Das ist gut so. |