| Jessens Blockbusterbombe |
| Der Feuilleton-Chef der Zeit schreibt sich in Rage / Von Heribert Seifert | |
|
Jens Jessen, der Feuilletonchef der ZEIT, hat wieder zugeschlagen. In der Nummer 38 des Wochenblatts durfte er den oberen Teil der Aufmacherseite voll machen: „Jugend ohne Charakter“ steht da vor einem wuchtigen Ausrufezeichen und kündigt eine „Polemik“ an, die sich gewaschen hat. Wir erinnern uns: Am Anfang des Jahres hatte derselbe Jessen den älteren Herren, den zwei eher ausländische Mitbürger zusammengeschlagen hatten, als einen jener „besserwisserischen Rentner“ identifiziert, in denen sich der „Prototyp des deutschen Spießers“ verkörpere, der „letztlich doch überall sein fürchterliches Gesicht“ zeige. Jetzt hat Jessen sich das andere Ende der Generationenkette vorgenommen und versetzt sich in Zorn über die „traurigen Streber“ unter den „Studenten, deren Berufswünsche Geld und Sicherheit heißen“, ekelt sich vor „angehenden Künstlern, die keinen Charakter, sondern nur Erfolg auf dem Markt suchen.“ Jessen schreibt sich in Rage: Eine ganze Generation habe komplett versagt, nicht bloß, weil sie sich „leichtfertig und bedenkenlos“ anpasst an die schlechten Verhältnisse , sondern auch, weil sie darüber hinaus kräftig daran arbeite, die Gesellschaft vollends auf den Hund zu bringen: „Die Verblödung der Künste, die primitiven Scherze der Fernsehunterhalter, die verächtlichsten und zynischen Werbesprüche, sie wurden nicht von verdorbenen Greisen, sondern von den Jungen und Jüngsten vollbracht.“ Und so geht es weiter in dieser Zeitdiagnose, mit einer argumentativen Treffgenauigkeit, der gegenüber eine Blockbusterbombe als Instrument der Mikrochirurgie erscheint. Tollkühne Vergleiche rauschen dem Mann in die Tastatur: Früher war alles besser, da gab´s den schönen „Idealismus“ der Jugend, der sich als „Nein zu Kompromiss, Anpassung und Geschäftemacherei“ äußerte. Und damit der geneigte ZEIT-Leser auch nicht in Unkenntnis bleibt, welche heroischen Zeiten gemeint sind, stellt Jessen klar: „Der Idealismus der Jugend war immerhin so stark, dass die sozialistischen Diktaturen, sofern sie nur ein Heilsversprechen machten, darauf bauen konnten.“ Recht hat er: Jener „Idealismus“, der nicht nur „die Jugend“, sondern auch reifere Semester zu fanatischen Freunden des Gulags und anderer Formen des Massenmords werden ließen, ist heute bei jungen Menschen noch nicht wieder gesellschaftsfähig. Es stimmt auch, dass jene Feiertage des kollektiven Irresseins ein wenig aus der Mode gekommen sind, bei denen BaföG-alimentierte junge „Idealisten“ solche Heilsversprecher wie Mao, Pol Pot und Che Guevara auf den Straßen und auf „teach-ins“ hochleben ließen. Vom ultimativen „Idealismus“ der Baader-Meinhof-Gang ganz zu schweigen. Gewiss, Attac müht sich wacker, räumt Jessen ein, aber irgendwie fehlt ihm dabei offenbar jener Schwung und der Wille, das Große und Ganze vollends umzustürzen, der die historischen Exempel antrieb, an die er sich deshalb lieber erinnert. Wie kommt ein solcher Unfall auf die erste Seite des Blattes, das sich doch als intellektueller Nadelstreifen der Republik versteht? Jessens Rentner-Rüpelei war immerhin nur auf seinem „Videoblog“ erschienen. Den ganzen Mann dort mit seinen fahrigen Gesten zu sehen und seinem hilflos-wirren Gestammel zuzuhören, erregte damals eher Mitleid. Solche verwirrte, etwas zauselige und im Äußeren leicht vernachlässigte Herren findet man sonst nur auf den Pflegestationen der besseren Seniorenheime, und wenn sie sich zu sehr exaltieren, sollte man ihnen übers Haar streichen und sie beruhigen: Gleich kommt die Schwester und bringt das Essen. Und wenn alle brav sind, gibt´s Dienstag und Sonntag auch den trocknen italienischen Weißwein. Dann wird alles wieder gut. Jetzt ist Jessens Selbstvernichtung Aufmacher der ZEIT. Offenbar hält man dort die stark ins Trottelige spielende Faselei für werbewirksam. Was für ein Milieu soll da angesprochen werden? Es ist das immer noch herrschende juste milieu aus Rot und Grün, dem sich in Teilen des Landes auch Schwarz nur zu gierig beimischt. Längst zählen nicht mehr nur die sogenannten „68er“ dazu, sondern auch all die, die ihre Biographien so erfunden haben, dass sie sich getrost dazu rechnen können, selbst wenn das der Geburtsjahrgang gar nicht hergibt. Sie verbindet das zähe Kleben am „Peter-Pan-Syndrom“, wie die Zeitschrift de:bug jüngst spottete und damit den entschlossenen Willen meinte, den Schritt zu einer realitätstüchtigen Wahrnehmung der Welt auch mit grauen Haaren trotzig zu verweigern. Das muss man sich freilich leisten können, aber in diesem Milieu sind sie alle längst arriviert und bevölkern die Wärmestuben des öffentlichen Dienstes, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und anderer Medien, lassen sich, wenn die Gelegenheit günstig ist, auch von russischen Autokraten aushalten. Wo sie politisch wirksam waren, haben sie Chaos und Konfusion hinterlassen, ohne jedoch von einer Spur Selbstzweifel gepeinigt zu werden. Satt und selbstgerecht sehen sie mit dem Tunnelblick frühreifer Greise auf die Welt ringsum, die sie schon lange nicht mehr verstehen, weil sie sich immer noch nicht nach den Blaupausen ihrer „Utopien“ verändern will. Als Betriebsnudeln der Kulturindustrie verwechseln sie den inszenierten Schwindel von „Rebellion, Hype und Massenanerkennung“ (so de:bug) mit der Durchsetzung von „Aufklärung“ und „Fortschritt“. Habituell „kritisch“ sind sie, wenn es darauf ankommt, in peinlicher Hosenschlitzriecherei Abweichungen von der zur herrschenden erklärten Meinung zu identifizieren. Sonst kennt ihr Konformismus keine Hemmungen. Sie glauben bedingungslos dem faulen Zauber ihrer großspurigen Posen und Versprechen, sind der Suggestion der eigenen Phrasen in einem Narzissmus ohne Grenzen erlegen. Es übersteigt ihre Vorstellungskraft, dass jüngere Zeitgenossen keine Lust mehr haben an den steilen Feuilleton-„Debatten“, in denen es angeblich immer ums Große Ganze geht, während in Wirklichkeit nur Aufmerksamkeit abgeschöpft, „Diskurshoheit“ gesichert und dem Publikum eine Show vorgespielt wird, die mühelos den Vergleich mit dem Nachmittagsprogramm deutscher Privatsender aushält. Ihren bevorstehenden Abgang können diese Feuilleton-Helden nur als Ende der Geschichte verstehen, weshalb Jessen denn auch barmt, dass diese Jugend in einer „Depression“ stecke, „die von der Zukunft nichts erwartet.“ Das ist die Mischung aus ignoranter Aggression und Greinen, die früher einmal Franz-Josef Degenhardt in „Wenn der alte Senator erzählt“ besungen hat. Jessen und Co. sind ihren einstigen Lieblingsfeinden schon lange zum Verwechseln ähnlich. Sie wissen es nur nicht. Leise rieselt der Kalk. |